Noch bevor ich etwas über die Umstände des Mordes an dem Nachbarn, der wie ich jetzt wusste Peter hieß, in Erfahrung bringen konnte, dachte ich an Laura. In meiner Vorstellung war sie die Nummer eins der Verdächtigen, weil sie in meiner Nachbarschaft, wo sie nicht hingehörte, häufig aufkreuzte, um mir nachzustellen. Ich hatte ihr damals, als ich wieder mit Alice zusammen kam, nicht das gegeben was sie wollte und sie sehr wütend gemacht. Zunächst stand sie nachts vor unserem Haus und rief, dass sie jetzt auf der Stelle Sex mit mir haben wollte, später schrieb sie mir unter fremdem Namen Drohnachrichten. Ich hielt sie für verrückt genug, aus purem Frust und Langeweile in die Erdgeschoss-Wohnung von Peter einzusteigen und ihn zu ermorden - warum auch nicht? Dass das alles nicht so viel Sinn ergab, war mir offenbar egal. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es in dieser Sache einmal nicht um mich gehen konnte.

Die Tage darauf überlegte ich viel. Alice sagte ich nichts davon. Ich befand mich jetzt in einem True-Crime-Podcast als Nebendarsteller und fand das wahnsinnig spannend. Warum ich wohl keine Polizei gesehen hatte? Vielleicht hatte die alte Dame sich den Mord auch nur eingebildet oder ausgedacht, um sich interessant zu machen. Jedenfalls hatte ich jetzt eine Aufgabe. Ich wollte wissen, was mit Peter passiert ist. Um seine Wohnung schlich ich jetzt öfter. Einen Tag später ging ich zur Beerdigung.

Die alte Dame war ebenfalls anwesend. Sie nickte mir zu und weinte ein bisschen. Außer uns waren da noch vier andere Personen: ein blinder Mann, der mit Blindenstock zwischen den Grabsteinen manövrierte, ein Asiate, eine Frau mittleren Alters, die sich als Peters Betreuerin herausstellte und eine zweite alte Dame, die die Schwester der ersten hätte sein können oder vielleicht auch war. Ich wollte eigentlich einfach nur weg. Die ganze Angelegenheit, also das Emotionale, das Abschiednehmen, das war mir in diesem Fall zu schräg. Ich fühlte mich wie ein sich als Angehöriger ausgebender Hochstapler, allerdings schienen angesichts der unpersönlichen, oberflächlichen und routinierten Zeremonie alle Anwesenden Hochstapler zu sein. Die Gespräche von verschiedensten Leuten mit Peter am Fenster hatten einen anderen Eindruck von sozialem Umfeld auf mich gemacht. Ich glaubte, außer der alten Dame (der ersten, die ihn "gefunden" haben wollte), hier niemanden zu seinen Lebzeiten am Fenster gesehen zu haben und von den übrigen regelmäßigen Kontakten, soweit ich diese aus meiner Erinnerung rekonstruieren konnte, schien niemand hier zu sein. Eine Beerdigung, die nicht mehr als eine nette Geste zu sein schien.

Als alles vorbei war, folgte ich der alten Dame. Ich wollte sie ansprechen, wusste aber nicht, was ich sagen sollte. Wusste überhaupt jemand auf dieser Beerdigung davon, dass Peter umgebracht wurde? Oder war dies das Geheimnis der alten Dame und mir? Wenn das stimmte, was sie sagte, warum wurden die Nachbarn nicht als Zeugen befragt? Das war alles sehr verworren und ich befürchtete, mich nur aufgrund einer hysterischen Bemerkung in etwas hineinzusteigern. Die Frau stand unter Schock, das war alles.

Doch dann lag in meinem Briefkasten eine tote Ratte mit einem Zettel: "Melde dich."


Ein paar Tage später hielt ein Lastwagen vor dem Sozialbau, der gekommen war, um die Wohnung zu entrümpeln. Im Fenster hing jetzt ein Zettel mit Ort und Zeitpunkt der Bestattung. Seit der Sache mit der Rose hatte ich noch mehr als vorher das Gefühl, mit dem Mann etwas zu tun zu haben. Ich hielt es für Anteilnahme, aber eigentlich war es Voyeurismus, als ich von draußen in das schmuddelige Zimmer sah. Auf einer alten Matratze lag unordentliches Zeug herum und eine zerknüllte Decke. Mein Instinkt, besser die Luft anzuhalten, wurde geweckt, obwohl mich eine Glasscheibe von dem Elend trennte. Ich dachte darüber nach, dass es da drin bestimmt schimmelte. Irgendwo schimmelte es immer und ich hasste Schimmel sowieso, aber Schimmel wurde noch schlimmer (und peinlicher), wenn man mit dem Leben nicht klar kam. So wie dieser Mann - mutmaßlich. Mitleidig guckte ich auf seine Hinterlassenschaften herab mit der Arroganz eines Schulabbrechers, der über Asylanten herzieht. Irgendjemand ist in der Hierarchie immer unter einem selbst. Mal wieder war ich mir meiner eigenen Ekelhaftigkeit bewusst und empfand trotzdem diese wohltuende Fremdscham, die einen beflügelt mit dem bestätigenden Gefühl, doch nicht ganz so schlimm dran zu sein. Arme Sau.

Ein bisschen Zeug wurde rausgetragen. Keine Ahnung, was das genau war, ich hatte nicht wirklich hingesehen. Das wäre mir dann doch zu respektlos vorgekommen. Ich dachte an die Nacht, in der der Mann gestorben war. Ich hatte einen Film gesehen und das ständige Leuchten des Blaulichts hatte mich gestört. Mindestens eine halbe Stunde hatte es gedauert, ihn da rauszuholen. Vielleicht hatten sie ihn ja wiederbeleben wollen. Oder es dauerte einfach so lange, einen Tod festzustellen. Im Scherz sagte ich noch zu Alice, dass da bestimmt einer gestorben sei, warum auch immer ich darüber scherzte. Vielleicht weil ich mich dadurch besser fühlte, nicht gestorben zu sein. Jedenfalls hatte ich nicht damit gerechnet, dass da tatsächlich jemand tot war. Beim ersten Anblick der Kerzen hatte ich deshalb noch ein schlechtes Gewissen, zumindest ein bisschen.

»Kommen Sie zur Beerdigung?«
Ich zuckte zusammen. Was? Hatte mich jemand angesprochen?
»Was?«
»Zur Beerdigung.«
»Von ...«
»Der arme Kerl. So viel Blut hab' ich noch nie gesehen. Ich hab' Peter ja gefunden, wissen Sie?«

Ich war verstört. Man sprach mich nicht einfach so mir nichts dir nichts an und konnte eine ernsthafte Unterhaltung erwarten. Fast hätte ich die alte Dame gefragt, was sie sich überhaupt erlaubte. Doch dann begann mein kaputtes Gehirn ihre Worte einzuordnen. Blut? "So viel" Blut? Ich dachte, der Mann sei an seiner Behinderung verstorben. Was auch immer. An Selbstmord hatte ich nicht gedacht. Für einen Moment kamen ich und der Tote uns also noch ein ganzes Stück näher. Bis die Frau fortsetzte.

»Ich hoffe sie finden den, der das getan hat.«


Es ist wichtig, zuerst seine Wohnung sauber zu halten, bevor man die Welt kritisiert. Sagt Jordan Peterson. Ich konnte ihn nie leiden, aber damit hatte er recht. Ich hatte viel zu kritisieren, während ich im Müll versank. Und zu meiner weiteren Schande muss ich gestehen, dass ich, obwohl ich mir dieser Widersinnigkeit bewusst war, lange nichts daran änderte. Bis zu diesem einen Tag. Da war dieses eine Zimmer, über das ich frei verfügte (der Rest der Wohnung stand unter dem Machtanspruch von Alice) und ich schmiss einfach alles hinaus. Wenn man nicht mehr weiter weiß und einem alles zu viel ist, heißt die Lösung Trennung. Entweder rasiert man sich die Haare ab oder man zündet sein Haus an. Haare abrasieren hatte ich schon zwei mal hinter mir und jedesmal hatte es mir nichts gebracht. Irgendetwas anzünden wäre versicherungstechnisch schwierig geworden, also blieb Wegwerfen als einzige Option. Da ich mich selbst schon seit Jahren wegwarf war ich ja auch geübt darin.

Es blieb das Bücherregal (in zwei Reihen: vorne die Bücher, die ich bald oder mal wieder lesen wollte und hinten die Bücher, von denen ich erstmal nichts wissen wollte) und ein Schreibtisch. Ich brauchte keine eigene Couch mehr, um darauf in Tränen auszubrechen oder meinen Kopf gegen die Matratze zu schlagen. Ich wollte schreiben und lesen und zwar ausschließlich. Mehr brauchte ich also nicht. Jordan Peterson wäre stolz auf mich gewesen bei diesem radikalen Anblick. Es war mir immer wichtiger, was andere von mir dachten, als die eigene Zufriedenheit mit mir selbst, also war wohl auch die Meinung eines Arschlochs etwas wert. Ich hielt mich ja selbst für eines, vielleicht war ich das auch, also passte alles.

Nun saß ich also da. Bücherregal am einen Ende des Raumes, Schreibtisch am anderen. Und ich vor dem Schreibtisch auf einem Esszimmer-Stuhl, weil mein Schreibtischstuhl wahrscheinlich kaputt war (oder ich ihn verloren hatte). Laptop aufklappen. Kostenlosen Word-Klon öffnen. Nichts. Mal wieder. Raus gehen, eine rauchen. Na, das war gelogen, ich rauchte natürlich in der Wohnung. Also quarzte ich meinen Laptop voll, schaute einen Porno und hatte danach immer noch keine Ideen.

Ich verließ die Wohnung, kaufte eine rote Rose und legte sie theatralisch vor das Fenster des toten Nachbarn im Sozialbau. Ich vergoß dabei keine Träne.


Auf der Party blieben unsere Blicke immer wieder aneinander hängen - ungewöhnlich oft dafür, dass wir nicht miteinander sprachen, weil zwischen uns auf dem engen Balkon drei oder vier andere Personen standen. Ihr Blick und ihr Lächeln waren verräterisch und auch wenn ich meine Freundin liebte, ergriff mich sofort das Gefühl, endlich ausbrechen zu können. Mit ihr. In diesem Moment erschien sie mir wie der Schlüssel nach draußen. Wie damals mit Laura, für die ich Alice verlassen hatte. Doch ich kam sehr schnell wieder mit Alice zusammen, weil es offensichtlich war, dass man sich mit einer anderen Frau nicht nur befreien, sondern schnell auch genauso wieder einschließen kann. So wäre es auch mit diesem fremden blonden Mädchen gewesen, das mich auf der Party anlächelte. Ich trank noch einen Kurzen und vergaß sie schneller, als ich ihr aus den Augen treten konnte und der Abend versackte in politischen Diskussionen und leeren Chipstüten. Ja, ich hatte wieder getrunken, wenn auch nur für diesen einen Abend. Dafür kam ich mal wieder in Kontakt mit Menschen, was viel zu selten vorkam.

Ich lief meine Straße entlang, weil ich nichts anderes mit mir anzufangen wusste. Im Erdgeschoss des Sozialbaus gegenüber wohnte ein Mann, der mir manchmal wie meine eigenes Ich aus der Zukunft vorkam. Durch die Zeit gereist und gegenüber eingezogen, um mich noch irgendwie zu retten. Vergeblich. Der Mann war zwar nicht alt, jedoch krank. Er stand täglich am Fenster und sprach mit Menschen, die extra für diese Gespräche vorbei kamen. Dann war er nicht mehr da. Dann kamen die Blumen, Kerzen und Briefe, die täglich an seinem Fenster abgelegt wurden. Obwohl es Sommer war, wurde mir immer kälter.


Ich war müde. Mit Mitte zwanzig war es wohl angebracht, Bilanz zu ziehen und man konnte nur zur Feststellung kommen, dass ich mich verrannt hatte. Ich hatte die Schule vor fünf Jahren abgeschlossen und seither stagnierte mein Lebenslauf. Ich wurde älter, aber kam nicht weiter. Vor allem aber war ich müde.

Und ich war nüchtern. Zugegeben, dieser Umstand war als positive Entwicklung zu verbuchen. Das konnte ich mir auf der Habenseite eintragen. Ich hatte seit einer Woche keinen Alkohol mehr getrunken. Nach etwa zweimonatigem Dauer-Suff. Nach meinem Klinikaufenthalt, der etwa ein halbes Jahr zurück lag, hatte ich endlich nie wieder einen Joint angefasst, so wie ich es mir vorgenommen hatte, doch dass ich bald darauf dem Alkohol verfallen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Und wer trug daran Schuld? Ich? Weil ich mein Leben nicht ertragen konnte? Hatte ich mein eigenes Leben unerträglich gemacht, sodass ich keine andere Wahl hatte, als meinen Frust in Billig-Bier und Weißwein zu ertränken? Nicht wissent- und willentlich, ganz gewiss. Obwohl? Häufig genug hatte ich diese selbstzerstörerischen Abende verbracht, als ich irgendwo in irgendeinem sozialen Gefüge zum erhofften Schock aller meinen eigenen Absturz und Untergang zelebrierte.

Dem Untergang war ich jetzt längst geweiht, da war ich mir sicher. Ich hatte keine Kraft, ihn abzuwenden, sondern nur, ihn zu entschleunigen. Also hörte ich wohl aus diesem Grund auf zu trinken und nahm auch ansonsten keine Drogen mehr.

Mein Leben wechselte schlagartig von wild und tragisch zum ausschließlich tragisch auslegbarem Verlauf. Ja, irgendwann würde ich wieder zur Universität zurückkehren. So wie ich mit dem Kiffen aufgehört hatte. Mein Siegeszug war mir sicher. Falsch. Selbst wenn ich mein Studium fortsetzte, wären mir einige Hindernisse im Weg. Meine Faulheit, meine Schüchternheit, meine Dummheit, mein Narzissmus, mein Neid, mein Größenwahn, meine Minderwertigkeitskomplexe.

Dieses scheußlich lange Wort: "Minderwertigkeitskomplexe". Acht Silben, wenn ich mich nicht verzählt habe. Ein zu gemeines Wort, um ihm die Legitimation, Aufmerksamkeit zu bekommen, durch Nachzählen zu geben. Das Wort - beziehungsweise natürlich nicht das Wort, sondern der Wahn, den es beschreibt - hatte mein Leben mehr zerstört als alle Drogen zusammen. Diese Gemeinheit würde ich ihm nie verzeihen. Niemals.

Beim Duschen fiel mir wieder auf, dass der Abfluss verstopft war. Wie in diesem Song eines Rappers stand mir das Wasser bis zu den Knöcheln. Wie im Song kippte ich heißes Wasser nach, weil das vielleicht helfen konnte.